
Die ersten beiden Zeilen des heutigen Evangeliums fordern mich intensiv auf, nachzudenken über die ersten 30 Tage unserer Anwesenheit hier. "Euer Herz verzage nicht. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich" (Joh 14, 1). Das sind kraftvolle Worte, die Jesus zu mir gesagt hat, als ich Dernbach, in Deutschland, verließ, um als Missionarin in mein eigenes Land zurückzukehren. Heute werde ich erneut daran erinnert. Die Worte haben gleichsam Fleisch angenommen und sind real geworden, als wir in so chaotischer und ungewisser Weise hier ankamen. Wir waren ja am 4.4.2006 abgereist in der Hoffnung, uns in Ruhe im gemieteten Haus einleben zu können. Dann wurde uns auf dem Weg gesagt, dass wir im Pastoralzentrum wohnen müssten, bis das Haus fertig sei. Wie hat da unser Herz sich gefühlt! Innerlich habe ich nur "Oh" ausgerufen, und ich fühlte mich hilflos - was kann man denn da machen? Nichts, nur das Beste aus der gegebenen Situation. So war ich mit Gottes Gnade entschlossen, mich nicht durch die Gegebenheiten bedrücken und nach unten ziehen zu lassen. Ich wollte die Freude nicht verlieren, Teil dieses Neuanfangs der ADJC in Nigeria zu sein, in meinem eigenen Land.
Als ich dann in der ersten Nacht im Bett lag - im Pastoralzentrum -, formte sich für mich ein Bild der Anfänge von Mutter Maria Katharina. Ich reflektierte über ihre Entschlossenheit und ihre Offenheit, sich von Gott senden zu lassen zu ihren eigenen Leuten in Dernbach, und die Erfahrung ihrer Schuhe, die sie in ihrem Dienst trug. Wie sie vor nichts zurückschreckte, wie sie auch ihrer eigenen Familie ihre Vision mitteilte, und wie sie sie in ihrer Sendung unterstützten.
Ich dachte darüber nach, wie viel es kosten würde, wenn wir im Pastoralzentrum blieben, und wie dieses Geld helfen könnte, einige der Nöte der Armen in und um Owerri zu lindern. Ich dachte: Wenn die Familie von Mutter Maria Katharina ihr moralische Stütze geben konnte, dann kann doch auch meine Familie uns Unterkunft bieten und uns helfen, Geld zu sparen für unsere eigentliche Aufgabe. So rief ich meine Familie an, und meine Schwester war froh, uns ihr Haus und ihr Auto anzubieten, bis wir uns selbst helfen könnten. Die Unterstützung meiner Familie half mir selbst auch, bei allem auf Gott zu vertrauen und zu glauben, dass Er mit uns ist und dass Er alles zu einem guten Ende führen wird.
Ich habe dann auch verschiedentlich nachgedacht über die Schuhe, die Mutter Maria Katharina auf all ihren Wegen in Dernbach, nach Limburg und zu anderen Städten und Gegenden in Deutschland getragen hat. In unserem kleinen Buch "Mit Mutter Maria Katharina durch das Jahr" ist es schön gesagt: Wenn diese Schuhe sprechen könnten, dann könnten sie uns viele Geschichten erzählen von dem, was sie miterlebt haben.
Wie wahr, dachte ich. Wirklich, sie könnten uns viel erzählen.
Bisher habe ich meist darüber reflektiert, wie viel Leid diese Schuhe gesehen haben. Hier in Owerri ist mir das Paradox aufgegangen, wofür diese Schuhe auch stehen: Leiden und Freude. Die gleichen Schuhe, die Sorge und Leid angetroffen haben, haben auch Freude und Hoffnung gebracht zu den Leuten in Dernbach und anderswo. Wie schön wäre es, wenn wir ständig und immer wieder diese Schuhe betrachten könnten - jetzt am Anfang unserer Zeit in Owerri. Soviel Frustration, Warten, Enttäuschungen etc…
Aber trotz dieser schwierigen Erfahrungen wird der Anbruch eines neuen Tages langsam und schrittweise Hoffnung bringen für die Armen, die Kranken, die Vergessenen und die Einsamen in Owerri/Nigeria und darüber hinaus. Sie werden ihre Welt und ihren Zustand neu sehen können. Das wird aber nur geschehen, wenn wir vertrauen und wenn unser Herz nicht verzagt. Wenn wir so sehr auf Gott vertrauen, dass durch uns die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Kranken gesunden, die Toten auferstehen und die Armen ein Lied der Befreiung singen können. Gott kann uns als Werkzeuge benutzen, so dass all das geschieht und weit mehr, als wir uns vorstellen können.
Für mich hat die Einwurzelung der ADJC in Nigeria bereits begonnen. Die kleinen Schritte, die wir im Haus machen konnten, die vielen guten Leute, denen wir täglich begegnen: Leute in der Kirche, Nachbarn, Leute in den Büros und Dienststellen. In ihnen allen wachsen die Wurzeln unserer Anwesenheit. Sie wachsen auch in den jungen Frauen, die bald kommen werden, um Anteil zu haben an unserer Geschichte als ADJC und uns Anteil zu schenken an ihrer Berufungsgeschichte und ihrer Hoffnung, sich bald unserer Gemeinschaft anzuschließen. Und sie wachsen in dem Beginn der Gespräche mit RegierungsbeamtInnen und kirchlichen Stellen, indem wir ihnen mitteilen, wie wir als ADJC unsere Solidarität leben können mit den Straßenkindern, indem wir diesen Lebensmöglichkeiten und eine Form der Re-Integration in die Gesellschaft anbieten.
Blütenblätter öffnen sich mit dem Tag, und wenn wir nicht aufmerksam sind, dann werden sie schon geöffnet sein, ehe wir es sehen. Es ist gewiss nicht einfach für die Blüten, sich zu öffnen, denn sie riskieren gutes wie schlechtes Wetter dabei.
So war es auch mit uns in diesen letzten 30 Tagen.
Mutter Maria Katharina war eine weise und realistische Frau. Sie hielt sich immer offen für den Geist Gottes. Und sie sagt uns: „Gewiss fehlt es nicht an Kreuz und Leid... es müssen ja große Opfer gebracht werden ... Unser Herr und Gott ist uns vorausgegangen von der Krippe bis zum Kreuze... ‚Der Knecht ist doch nicht mehr als der Herr.’ Beten wir täglich und sagen wir uns … Gib mir, o Herr, einen großen und beständigen Eifer, den Willen, nach allen Grundsätzen des heiligen Glaubens zu leben und zu wirken, und gehen wir ruhig, demütig, und
bescheiden jedoch mutig im Hinblick auf Gott weiter mit Vertrauen und mit Liebe zu Gott und unserem heiligen Berufe." (Brief an Sr. Secunda, 21. Juni 1887)
Unsers erste Gebetsecke
mit Bild Katharina KaspersSchwester Christeta und ich versuchen, jeden Tag diese Worte zu bedenken, und in diesem Sinn zu beten. Manchmal geht es gut, und an manchen Tagen geht es nicht gut, denn wir sind nicht vollkommen. Aber etwas ist ganz wichtig für uns, für unser Leben hier und unser Zeugnis für Jesus, und das ist, dass wir einander unterstützen und verstehen, und dass wir gerne miteinander arbeiten. Und da gibt es all die vielen guten Leute, die uns helfen. Sie haben nicht all die Luxusgüter und Annehmlichkeiten, wie sie in Europa und Amerika sind, aber sie haben ein Herz voller Gastfreundschaft, Sorge füreinander und einen wunderbaren Sinn für die Gemeinschaft, und das ist das Herz unserer Existenz.
Viele liebe Grüße und ein gutes Gedenken allen Schwestern: denen, die in den verschiedenen Filialen leben und wirken, den alten und kranken Schwestern, die uns den Weg gebahnt haben, auf dem wir jetzt gehen. Vielen Dank für alle Gebetsunterstützung.
Ihre Schwester Nkechi Lilian Iwuoha ADJC

